Licht-sein

 Licht-sein

(Jesaja 49,1-6)

 

 

"Hört auf mich, ihr Inseln, und gebt acht, ihr Völker in der Ferne! Der HERR hat mich von Mutterleib an berufen und meinen Namen von Mutterschoß an bekannt gemacht. Er hat meinen Mund gemacht wie ein scharfes Schwert; er hat mich im Schatten seiner Hand geborgen und mich zu einem geschärften Pfeil gemacht; er hat mich in seinem Köcher versteckt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, bist Israel, durch den ich mich verherrliche.

Ich aber hatte gedacht: Ich habe mich vergeblich abgemüht und meine Kraft umsonst und nutzlos verbraucht! Doch steht mein Recht bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott. Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht gebildet hat, um Jakob zu ihm zurückzubringen — Israel aber wurde nicht gesammelt, und doch wurde ich geehrt in den Augen des HERRN, und mein Gott war meine Stärke —, ja, er spricht: »Es ist zu gering, dass du mein Knecht bist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten aus Israel wiederzubringen; sondern ich habe dich auch zum Licht für die Heiden gesetzt, damit du mein Heil seist bis an das Ende der Erde!«"

 

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Es war im Sommer 1984. Ich war 15 Jahre alt (Sie brauchen nicht zu zählen, ich bin jetzt 53 :). Es war das erste Mal, dass ich an einer Tagung der armenisch-evangelischen Jugendgruppe in einem kleinen armenischen Dorf in Nordsyrien namens Kessab teilnahm.

Bei dieser Tagung hatte ich gemischte Gefühle, denn alles war für mich neu. Eins war klar: Die Tagung war eine ganz andere Erfahrung als die, die man sonst im Alltag macht. Für mich war es besonders hilfreich, eine ganze Woche weit weg von zu Hause zu sein. Zu dieser Zeit war meine Schwester krank und das hat die ganze Familie belastet. So konnte ich während der Tagung alles doppelt genießen: Das Singen, das Spielen, das Beten, die Spaziergänge, die wir unter freiem Himmel gemacht haben und die Gespräche während der Spaziergänge. Während der Tagung kamen eine Jugendleiterin und ich zu der Überzeugung, dass ich dort wiedergeboren wurde, als ich mit ihr betete.

An solchen besonderen Orten und Zeiten ist es, liebe Gemeinde, uns einfacher, die Gegenwart Gottes zu spüren. Diese Erfahrung, dass wir Gott so nahe sind oder dass Gott uns so nahe ist, beschreibt der Prophet Jesaja, wenn er über seine eigene Berufung schreibt. Dennoch ist es ein Gefühl, das wir alle haben oder haben können, einfach wenn wir die Augen schließen und beten, in diesem Moment wissen wir, dass Gott uns kennt und uns formt, jeden Tag aufs Neue. Wie sollen wir aber heute die Worte des Propheten verstehen, wenn er schreibt: „Der Herr hat mich aus dem Mutterleib gerufen, aus dem Leib meiner Mutter hat er meinen Namen genannt“? Wie hat Gott den Propheten aus dem Leib seiner Mutter berufen? Wenn wir aber versuchen die sinnbildliche Bedeutung der Worte des Propheten wahrzunehmen, können wir durchaus erahnen, was er seinen Lesern damit vermitteln will. Die Worte offenbaren die innere Verbundenheit des Propheten mit Gott. Bevor ich geboren wurde, hat Gott mich gekannt, hat Gott mich gerufen. Ich kann mich also dieser Verbundenheit mit Gott, oder unserer Zusammengehörigkeit nicht entziehen. Sie ist tiefer in mir als mein eigenes Bewusstsein von mir, da es schon vor meiner Geburt da war. Das ist eine sehr starke symbolische Äußerung, die eins besagt, nämlich die tiefe Verbundenheit zwischen Gott und Mensch.

 

Gott hat Jesaja dazu berufen, Prophet für die Juden zu sein, ihnen zu predigen, dem Volk zu helfen, zu dieser tiefen Beziehung des Glaubens und des Gottvertrauens zu gelangen. Aber Jesaja hat in seinem Auftrag oft versagt. Er hat gepredigt, aber das Volk hat nicht zugehört. „Ich aber hatte gedacht: Ich habe mich vergeblich abgemüht und meine Kraft umsonst und nutzlos verbraucht!“ Das ist wahrscheinlich das Schicksal eines jeden Propheten, der ohnmächtig lebt und stirbt, allein gelassen in einer Welt, die ihm weitgehend fremd bleibt. Und doch verbleibt etwas von dem Propheten, eine Art Licht, das nicht vergeht.

Was aber tun, wenn wir selbst in solch enttäuschende Situationen geraten, wie sie der Prophet Jesaja erlebt hat? Was tun, wenn wir versuchen, Gutes zu leisten, aber dann nicht das erreichen, was wir wollen? Wie sollen wir über unsere Enttäuschungen hinwegkommen? Jesaja wurde gerufen, um die Juden zu Gott zurückzubringen, „Israel aber wurde nicht gesammelt“. Und wir lesen weiter, dass der Prophet doch in den Augen Gottes geehrt wurde. Aber wie? Wir lesen, dass Gott sagt: „Es ist zu gering, dass du mein Knecht bist, um die Stämme Jakobs aufzurichten … sondern ich habe dich auch zum Licht für die Heiden gesetzt, damit du mein Heil seist bis an das Ende der Erde!“ Also, es ist nicht, dass Gott mit Jesaja unzufrieden ist, sondern Gott vertraut ihm sogar eine größere Verantwortung, nicht nur für die Juden, sondern auch für die Heiden Licht zu sein. Für die Juden und die Heiden, das bedeutet im Sinne des alttestamentlichen Verständnisses die ganze Welt. Licht in der Welt sein, Licht und Heil! Wie gelingt denn das?

 

Das Geheimnis, das Wesen des Rufes Gottes, Licht zu sein, zu verstehen, liegt darin, liebe Gemeinde, von der Sphäre des „Tuns“ zur Sphäre des „Seins“ übergehen zu können. Der Prophet war enttäuscht, weil er dachte, er hätte nicht alles getan, was er hätte tun sollen. Wer von uns kennt dieses Gefühl nicht? Wir alle denken irgendwann, dass wir mehr oder besser hätten tun sollen. Der heutige Predigttext lenkt aber unsere Aufmerksamkeit auf einen anderen Aspekt. Nicht was wir tun, ist wichtig, sondern was wir sind. Wenn wir, liebe Gemeinde, in der Sphäre des „Tuns“ verharren, kann ich Ihnen sagen: Wir werden immer enttäuscht sein, weil wir nie alles tun können, was getan werden sollte, oder, wir werden zu hochmütigen Menschen, die so stolz auf die kleinen Dinge sind, die sie tun, oder getan haben. Es ist eine Falle zu denken, dass wir immer etwas tun müssen, um uns selbst beweisen zu können. Selbst als Prophet, oder heutzutage als Pfarrer oder als ein gläubiger Mensch, könnte man denken, dass man immer etwas tun muss. Aber das ist nicht das, was von uns verlangt wird. Stattdessen sind wir aufgerufen, Licht zu sein, Heil zu sein.

 

Das ist gleichzeitig eine Herausforderung und eine Erleichterung.

Licht in der Welt zu sein ist eine große Herausforderung, denn es bedeutet nicht nur, einige Gebote zu befolgen, Regeln zu beachten oder einige Pflichten zu erfüllen, zu denen unser Glaube uns auffordert. Licht zu sein bedeutet, zuzulassen, dass das Licht Christi uns von innen heraus verändert; zu erlauben, dass das Licht jedes Detail in unserem Leben erreicht, so dass es uns langsam, aber vollständig verwandelt und uns immer aufs Neue formt. Licht zu sein bedeutet nicht unbedingt, etwas zu tun, sondern das Licht in jeder Situation des Lebens zu reflektieren.

 

Was hat es mit diesem Licht auf sich? Wie können wir es beschreiben? Dieses Licht ist Demut in Situationen, in denen Stolz auftreten könnte, es ist Sinn und Bedeutung, wenn uns Fragen begegnen, die keinen Sinn haben. Es ist Geist in einer Welt der Dinge, einer Welt, in der das Materielle Macht hat. Und dieses Licht ist selbst das Heil, denn es ist frei von aller Dunkelheit.

Und nun, wenn ich zu meiner eigenen Geschichte am Anfang dieser Predigt zurückkehre, würde ich diese ganze Tagungswoche in meinem Jugendalter als einen Schritt beschreiben, das Licht Christi zu mir kommen zu lassen. Und wenn wir das eine neue Geburt nennen wollen, dann sollten wir uns an jedem neuen Tag nach einer neuen Geburt in unserem Leben sehnen.

Es ist in diesem Sinne, dass wir heute das Abendmahl feiern wollen. Nicht als bloßes Befolgen von Regeln oder Geboten, nicht als etwas das wir tun, sondern als etwas das wir werden wollen, um Licht und Geist zu werden, um eins zu werden in Christus.

Und nun können wir uns vorstellen, inwiefern dies auch eine Erleichterung für uns ist. Licht zu sein, oder zuzulassen, dass das Licht Christi uns verwandelt, bedeutet, dass wir uns bewusst sind, dass wir im Glauben nicht unter dem Gesetz des Werkes stehen. Der Sprung von „Tun“ zum „Sein“ verleiht uns Durchhaltevermögen und Gelassenheit, auch in den Zeiten, wenn die Dunkelheit nicht zu vermeiden ist.

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, das Licht, nach dem wir uns sehnen, wird uns in unserem Herzen, wenn auch bruchstückhaft gegeben.

 

„Ihr seid das Licht der Welt. … So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Matthäus 5,14.16) Amen.